reflections

Das angespannte Evangelium zu Pfingsten 2012

Am Pfingstsamstag und -sonntag (26+27.5.2012) habe ich zusammen mit Holger B. Matthias K. in Hamburg besucht. Eine tolle Sache, denn nach vielen Jahren konnten wir drei, die wir zusammen bis 1988 bzw. 1989 das Kreisgymnasium in Halle/W. besucht haben, uns endlich mal wieder treffen und zunächst auch in Ruhe miteinander reden.

Nach einem absolut gelungenen ersten Besuchstag am Pfingstsamstag ging es am Sonntag morgens um 11 Uhr zu einem Gottesdienst in eine Pfingstgemeinde irgendwo mitten in HH. 

Erstmals seit fast anderthalb Jahren besuchte ich nun wieder einen sonntäglichen Gottesdienst. Eine junge gut gekleidete Frau hielt eine Predigt, die - gefühlt  - fast 60 Minuten dauerte, obwohl sie uns als Gemeinde eigentlich nur eine zentrale Botschaft verkündigen wollte: Jesus ist von den Toten auferstanden und hat später durch die "Ausgießung" des Heiligen Geistes dafür gesorgt, dass weltweit ALLE Menschen durch ihr Bekenntnis zu ihm vor Gott "gerecht" werden können. D.h., dass auch uns heutzutage unsere (wegen des Sündenfalls im Paradies!) "unvermeidbaren" alltäglichen Verfehlungen in Gedanken, Worten und Taten wegen seines Opfers am Kreuz nicht mehr von Gott vorgehalten werden können, sofern wir uns auf eine "Beziehung" mit Jesus einlassen. Soweit so gut. Diesem Grundgedanken der paulinischen Theologie stimme ich ja auch voll und ganz zu, aber warum muss man denselben in einem so langen Sermon in einem dermaßen angespannten - ja teilweise sogar panikartigen -  Tonfall unzählige Male in verschiedenen Varianten wiederholen? Und warum wird diese "frohe Botschaft" permanent mit "Kriegs"-Vokabeln wie "Kampf" , "Schlacht", "Sieg" und anderen, die mir jetzt nicht mehr einfallen wollen, verknüpft?  

Hätte ich "glaubensferne" Bekannte zu diesem Gottesdienst mitgenommen, so befürchte ich, hätten sie aufgrund dieser Predigt ihre Vorurteile gegen freichkirchlich orientierte Christen eindrucksvoll bestätigt gesehen. Als da wären: Eine allzu angstmachende und daher nicht einladend wirkende Evangeliumsverkündigung und keine erkennbare Struktur ("roter Faden" in einer viel zu langen Predigt. Hinzu kommt eine allzu häufige und nur äußerst selten mit Erklärungen versehene Benutzung von "frommen" Begriffen wie "Sünde", "Teufel", "Versuchung",  "Bekehrung", "Geistesgaben", "Endgericht", etc.

Den Einwand, dass diese Predigt nur für "Eingeweihte" (also bekehrte Christen!) bestimmt gewesen sei,  kann ich nicht gelten lassen, da m.E. JEDE Predigt für ALLE Zuhörer verständlich sein muss. Ansonsten läßt man dieselbe besser ausfallen und geht - wie von unserem Gastgeber Matthias K. mit Recht vorgeschlagen - am Sonntagmorgen lieber ins Fitnesstudio!      

Ich weiß genau, worüber ich hier rede, denn zu Campus-Zeiten hörte ich immer wieder die obengannten Kritikpunkte von Leuten, die der beschriebenen paulinischen "Bekehrungsvariante" des Christl. Glaubens kritisch gegenüberstehen. Werde ich daher Zeuge einer Predigt, die ihre Kritik "befeuern" könnte, dreht sich mir persönlich der Magen um...

Vielleicht war speziell Letzteres ein Grund dafür (neben meiner Müdigkeit aufgrund von sehr viel Arbeit und zu wenig Schlaf in der vorangegangen Woche!), dass ich speziell am Sonntagnachmittag nach dem Gottesdienst ein wenig paralysiert bei unserer Tour zur Hamburger Alster gewirkt habe. Dies veranlaßte Holger wohl zu der gewagten (und grob UNSINNIGEN!) Schlußfolgerung, dass ich "nicht lachen" könne....woran im weiteren Verlauf auch seine teilweise ultrapeinlichen "Animationsversuche" nichts ändern konnten. Spaß haben bzw. sich freuen ist eine schöne Sache, aber dies kann niemals "auf Knopfdruck" von Außen geschehen! Und vor allem dann nicht, wenn man die Erörterung  teilweise komplizierter theologischer Fragen permanent mit z.T. "debil" wirkendem Verhalten im öffentlichem Raum (einem Park an der Alster) vermischt, das zur "Veranschaulichung" der eigenen Positionen dienen soll.

Ja, es stimmt, ich bin nicht gerade ein Freund des "Toronto"-Segens und anderer moderner "Erlebnisbewegungen" im pfingstlerischen bzw. charismatischem Bereich. Niemals würde ich aber Mitchristen, die sich auf solche Gestaltungsformen "erlebten Christentums" stützen, in irgendeiner Form das Christsein absprechen bzw. sie in ihrer Auffassung zu korrigieren versuchen (wie es leider andere Christen z.T. tun)!!!! Aber es gibt in mir nach wie vor eine riesige persönliche (rational kaum begründbare!) innere Sperre gegen diese Art des Auslebens des Christlichen Glaubens, und zwar nicht nur wegen meiner Erfahrungen mit einem H. Gliech. Warum? Diese Art des "erlebten Christseins" hat m. E. einen sehr elitären Touch und sorgt dafür, dass sich Leute, die z.B. den sog. "Toronto-Segen" empfangen zu haben meinen, sich anderen Mitchristen unbewusst überlegen fühlen könnten. Und ob das im Sinne des Erfinders des Christentums ist, sei dahingestellt!...

Ja, es stimmt auch, dass ich mich speziell im sog. "öffentlichen" Raum stets bemühe, die "Contenance" zu wahren und speziell dort eher selten meinen Gefühlen und Empfindungen freien Lauf lasse. Natürlich steht das u.a. im Zusammenhang mit meiner "ländlichen" bzw. "bäuerlichen" Erziehung, an der auch meine Großmutter bzw. Großtante einen wesentlichen Anteil hatten. Ich möchte auch nicht unbedingt abstreiten, dass ich im zwischenmenschlichen Bereich manchmal etwas "steif" wirke und nicht immer sofort aus mir herausgehe. Aber dass das immer so ist und dass ich von Holger daher scheinbar eine Art "Hilfestellung" benötige, um selbiges Verhaltensmuster abzulegen, halte ich für BLANKEN UNSINN! Zum einen kennt er mich nicht gut genug, um sich darüber ein verläßliches Urteil erlauben zu können (jemanden zweimal pro Jahr persönlich zu treffen genügt hierfür nicht!), zum anderen kann solch ein Verhaltensmuster gerade in Krisensituationen (z.B. in der eigenen Ehe!!) äußerst hilfreich sein, auch wenn es auf "moderne" Menschen nicht immer "spannend", "sympathisch" oder "cool" wirkt.

Der Gedanke, dass die Gemeinde Christi nicht an einer bestimmten Konfession gebunden ist, sondern überall stattfindet, wo sich lt. Jesus "Menschen in meinem Namen versammeln" (seien es z.B. Katholiken, Pfingstler, Lutheraner oder Darbisten im Gottesdienst oder auch Privatpersonen in ihrer Freizeit) war mir bereits vorher ohne Holgers aufwendige fast anderthalbstündige "Show" als "witzige" Erklärungsform klar....Und wenn ich später  in meiner Gegenwart Holger B. zu Matthias K. im Auto sagen höre, dass "Jürgen den Christenwitz erst nach anderthalb Stunden kapiert" habe, dann ist dies mehr als grenzwertig! Vielleicht hätte er mir alternativ kurz mit einfachen Worten darlegen sollen, dass Gott seiner Meinung nach keine Christliche Gruppierung oder Grundhaltung der anderen vorzieht, nachdem ich ihm zuvor zu seinem Leidwesen gesagt hatte, dass ich persönlich nichts mit dem Toronto-Segen anfangen könne....Anstatt so eine kindische Darstellungsform in Gestalt eines vorgeblichen "Witzes" zu wählen und dabei nach Art eines pubertierenden Teenagers meine Äußerungen immer wieder ins Lächerliche zu ziehen, sodass ich mehrfach das Gespräch abbrechen wollte.

Spaß haben ist eine schöne Sache, aber das kann nur gelingen, wenn man die Befindlichkeit bzw. die Gefühle des Gegenübers respektiert...und nicht "unliebsame" Äußerungen von ihm unbedacht ins Lächerliche zieht - Stichwort "Gesprächskultur"! Wenn man dann später in Gegenart einer dritten Person behauptet, man habe durch diese Art der Gesprächsführung dem anderen gar etwas "vermitteln" wollen, dann wirkt das wie blanker Hohn auf mich!!!! 

30.5.12 23:44, kommentieren



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung